Einführung

Themen

Simone Fleischer, Kathleen Schröter

Der Wandel der Künstlerbildnisse

Der folgende Flyertext gehört zu einer Ausstellung, die im Rahmen des "Schaukabinetts" in der Galerie Neue Meister vom 5. Juli bis 30. Oktober 2011 gezeigt wurde.

Das Ich im Wir. Künstlerbildnisse in der DDR

Schaukabinett

Die vierte Folge des "Schaukabinetts" richtet ihren Blick auf eine thematische Bestandsgruppe der Galerie Neue Meister: auf Künstlerbildnisse aus der DDR. Mit über 40 Gemälden bilden sie ein größeres Konvolut innerhalb der in Ostdeutschland entstandenen Werke.

Die Gattung des Porträts lebt vom Anspruch auf Authentizität und Individualität des Dargestellten. Gerade Künstlerporträts versprechen einen exklusiven Blick auf die besondere Rolle und das Selbstverständnis der abgebildeten Person. In der DDR galt zudem die Besonderheit, dass auch Maler, gemäß der Parole "Vom Ich zum Wir", mit ihrem Schaffen zur Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft beitragen sollten. Diese ihnen zugedachte Funktion stand jedoch oftmals im Widerspruch zu historisch gewachsenen Autonomieansprüchen, nach denen sich ein Künstler frei von äußeren Zwängen nur dem eigenen "Ich" verpflichtet fühlte. Wie unterschiedlich sich die Künstler in diesem Spannungsfeld positionierten, zeigen die elf im Schaukabinett präsentierten Bildnisse.

Das Ich im Wir. Künstlerbildnisse in der DDR

Das früheste Bild der Ausstellung entstand noch während der sowjetischen Besatzung 1947. Trotz seiner in Trümmern liegenden Heimatstadt zeigt sich der Maler Erich Gerlach optimistisch mit einem Hoffnung symbolisierenden, knospenden Zweig in der Hand. Auch Ernst Hassebrauk erinnert an die Luftangriffe auf Dresden am 13. Februar 1945, ein Faschingsdienstag, wenn er sich zwölf Jahre später mit Maske und dem Tod als Begleiter porträtiert. Völlig ohne zeithistorische Bezüge kommt das im selben Jahr entstandene Selbstbildnis von Eva Schulze-Knabe aus. Selbstbewusst, mit strengem direkten Blick schaut die Malerin aus dem Bild, der Malkittel weist sie als Künstlerin aus.

Auch Siegfried Klotz ist unschwer als Künstler zu identifizieren, verweigert sich aber dem unmittelbaren Betrachterblick und zeigt sich als Spiegelbild. Wenngleich dieses zur Selbstreflektion dient, verweisen die am Paravent befestigten Masken darauf, dass man dem Abbild nicht trauen sollte.

Die Differenz zwischen Realität und Bild, zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung beschäftigt auch Peter Graf, der in seinem Gemälde mehrfach die Realitätsebenen wechselt: Eine Frau betrachtet eine Darstellung ihrer selbst und wird gleichzeitig vom Künstler beobachtet, der sich hier als Bild im Bild zeigt. Es handelt sich dabei um einen 1971 entstandenen Tondo, der sich ebenfalls im Bestand der Galerie befindet und Parmigianinos berühmtes "Selbstbildnis im Konvexspiegel" von 1524 zitiert.

Arno Rink greift die Tradition der als weiblicher Akt wiedergegebenen Muse auf. Er selbst stellt sich in dem allegorisch überhöhten Bild jedoch als gefesselten Mann dar, unfähig, seiner Tätigkeit als Maler nachzugehen.

Gebräuchlich ist auch der Harlekin als Alter Ego des Künstlers, wie ihn Joachim Kratsch zeigt. Er hat die Freiheit, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, verpflichtet hier aber sein Publikum zum Schweigen. Als Motiv bereits in den Bildern von Hassebrauk, Klotz und Rink vorhanden, bekommt die Maske in seinem Gemälde eine zentrale Bedeutung, verweist auf (falsches) Spiel und Doppelgesichtigkeit.

Willy Wolff verbindet sein Porträt mit einer programmatischen Inschrift, die den Anspruch auf Autonomie verkündet. Der in der DDR bis dahin kaum gewürdigte Künstler nennt neben anderen Orten auch London, wo er Ende der 1950er Jahre durch die englische Pop Art entscheidende Impulse für sein Schaffen erhielt.

Drei weitere Gemälde ergänzen die Auswahl der Selbstbildnisse um den fremden Blick auf die Künstlerpersönlichkeit. Horst Leifer widmet sich dabei dem Maler Hermann Glöckner, dem Anerkennung in der DDR erst im hohen Alter zuteil wurde. Das extreme Hochformat des Bildes passt sich der hageren Gestalt des Künstlers an; im Hintergrund repräsentiert eine von Glöckners Faltungen sein Werk.

Auch Bernhard Heisigs Porträt von Paul Michaelis zeichnet sich durch genaue Beobachtung aus. Mit seinen typischen, flirrend lockeren Pinselstrichen gelingt dem Leipziger Künstler eine treffende Momentaufnahme seines Dresdner Kollegen.

Wolfram Adalbert Schefflers Darstellung der Künstlerin Angela Hampel besticht durch die abstrahierende Gestaltung in leuchtenden Farben. Sie lässt nur wenige, charakteristische Partien von Gesicht und Körper hervortreten. Wie auch Hampel selbst, grenzte sich Scheffler mit der expressiven Malweise von den in der DDR geltenden Konventionen ab.

Die Ausstellung wurde im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts "Bildatlas: Kunst in der DDR" erarbeitet. Der Bildatlas ist ein Gemeinschaftsprojekt der TU Dresden, der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und dem Kunstarchiv Beeskow.

Ausstellungskonzeption

Simone Fleischer und Kathleen Schröter

Literaturempfehlungen

Andreas Beyer: Das Porträt in der Malerei. München 2002.

Eugen Blume, Roland März (Hrsg.): Kunst in der DDR. Eine Retrospektive der Nationalgalerie. Berlin 2003.

Susanne Jaschko: Selbstbildnis und Selbstverständnis in der Malerei der SBZ/ DDR von 1945 bis in die achtziger Jahre (Diss. phil. Aachen 1999), URL: sylvester.bth.rwth-aachen.de/dissertationen/2002/164/02_164.pdf

Lothar Lang: Malerei und Graphik in Ostdeutschland. Leipzig 2002.

Bilder der Ausstellung

1

Erich Gerlach, Selbstbildnis, 1947

Mischtechnik auf Hartfaserplatte, 53,5 x 70,5 cm

1963 erworben vom Künstler

Gal.-Nr. 3537

 

2

Eva Schulze-Knabe, Selbstbildnis, 1957

Öl auf Leinwand, 65 x 55,5 cm

1958 erworben aus der IV. Deutschen Kunstausstellung, aus Mitteln des Kulturfonds der DDR

Gal.-Nr. 2975

 

3

Ernst Hassebrauk, Flucht aus dem brennenden Dresden. (Selbstbildnis mit Maske), 1957

Öl auf Leinwand, 160 x 95 cm

1986 erworben von der Witwe des Künstlers mit Unterstützung des Rates der Stadt Dresden

Inv.-Nr. 86/36

 

4

Willy Wolff, Selbstbildnis, 1970

Öl auf Hartfaserplatte, 95,5 x 118 cm

1989 erworben aus Privatbesitz, Dresden

Inv.-Nr. 89/09

 

5

Bernhard Heisig, Der Maler Paul Michaelis, 1973

Öl auf Leinwand, 80,5 x 61 cm

1973 erworben über das Ministerium für Kultur der DDR, Abteilung Bildende Kunst, aus Mitteln des Kulturfonds der DDR

Gal.-Nr. 3896

 

6

Peter Graf, Ohne Titel (Allegorie mit Heuschrecke), 1974

Öl auf Leinwand, 85 x 100 cm

1987 erworben vom Künstler

Inv.-Nr. 87/15

 

7

Siegfried Klotz, Selbstbildnis im Atelierspiegel, 1974

Öl auf Hartfaserplatte, 140 x 90 cm

1974 übereignet vom Rat der Stadt Dresden (Abteilung Kultur), aus der 9. Kunstausstellung des Bezirkes Dresden

Gal.-Nr. 3916

 

8

Arno Rink, Versuchung, 1980

Öl auf Leinwand auf Holz, 160 x 120,3 cm

1982 erworben vom Künstler aus Mitteln des Kulturfonds der DDR

Inv.-Nr. 82/09

 

9

Wolfram Adalbert Scheffler, Bildnis Angela, 1983

Mischtechnik auf Hartfaserplatte, 114,5 x 87 cm

1993 erworben aus Privatbesitz, Chemnitz

Inv.-Nr. 93/19

 

10

Horst Leifer, Bildnis Hermann Glöckner, 1983

Öl auf Leinwand auf Hartfaserplatte, 122 x 61 cm

1985 übereignet vom Rat des Bezirkes Dresden, Büro für Bildende Kunst

Inv.-Nr. 85/42

 

11

Joachim Kratsch, Das Paar in dunkler Umgebung, 1987

Öl auf Hartfaserplatte, 79 x 65 cm

1987 übereignet vom Rat des Bezirkes Dresen (Abteilung Kultur), aus der X. Kunstausstellung der DDR

Inv.-Nr. 88/01

 

 

Bilddossiers

Simone Fleischer: Bilddossier zu "Allegorie mit Heuschrecke" (1974) von Peter Graf, Juli 2012.

Simone Fleischer: Bilddossier zu "Selbstbildnis im Atelierspiegel" (1974) von Siegfried Klotz, Juli 2012.

Kathleen Schröter: Bilddossier zu "Das Paar in dunkler Umgebung" (1987) von Joachim Kratsch, Juli 2012.

Weitere Materialien

PDFFlyer "Das Ich im Wir. Künstlerbildnisse in der DDR"

Zitierempfehlung: Simone Fleischer, Kathleen Schröter: Der Wandel der Künstlerbildnisse. In: Kunst in der DDR, URL: <https://bildatlas-ddr-kunst.de/teaching/89>

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)