Einführung

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Anna Littke

Arbeiter und Arbeiterklasse in der DDR

Der klassische Typ des Industriearbeiters prägte das marxistisch-leninistische Bild der Arbeiterklasse in der DDR, wie dies exemplarisch an dem Bild "Brigade Nicolai Mamai" (1961) von Walter Dötsch gezeigt werden kann.

 

Dieser Typus von Arbeiter war ideologisch unverzichtbar und besaß eine soziale Schlüsselstellung innerhalb des ostdeutschen Gesellschaftssystems. Die SED-Führung legitimierte ihren Herrschaftsanspruch als Avantgarde der Arbeiterklasse und als Repräsentantin ihres Widerstands gegen die NS-Diktatur. Wie prekär das Verhältnis der SED-Führung zur Arbeiterschaft tatsächlich war, zeigte der Aufstand am 17. Juni 1953. Der Politik der SED lag die Vorstellung von einem weitgehend egalitären Arbeitersozialismus zugrunde, deren Fixpunkt die Industriearbeiterschaft war. Unterstützt wurde diese ideologische Konstruktion von der realen und im Vergleich zu westlichen kapitalistischen Staaten stark ausgeprägten Betriebsbezogenheit im „Arbeiterstaat“ der DDR. Das Arbeitskollektiv, seit den frühen 1960er-Jahren unterteilt in „Brigaden“, war Arbeitseinheit und Lebensraum zugleich, was beispielsweise auch das Bild von Wilfried Falkenthal „Meine Brigade“ beschreibt. Deutlich wird die Rolle der Betriebe vor allem im Bereich der Sozialpolitik. Bei der Verteilung sozialpolitischer Leistungen kam dem Betrieb eine Schlüsselrolle zu.
Spätestens seit der Bitterfelder Konferenz 1959 wuchs ihre Bedeutung für die Kulturarbeit. Das Bild der Arbeiter im „ersten Arbeiter- und Bauern-Staat“ blieb in den offiziellen Darstellungen der DDR-Geschichte mit Bedacht unscharf – daher sind statistische Angaben über die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse, so lange sie in der DDR selbst erhoben wurden, zweifelhaft. Schließlich schrumpfte die Gruppe der Industriearbeiterschaft in der DDR ebenso wie in den westlichen Ländern zugunsten der Gruppe der Angestellten. In der offiziellen Lesart wurde dieser Prozess indes nicht wahrgenommen: Die Arbeiterklasse blieb bis zum Ende der DDR ideologisch stilisiert und überfrachtet mit Projektionen eines sozialistischen Arbeiterstaates, die am Ende kaum noch jemand ernst nahm.
Dennoch hatte die Ideologie des „Arbeiterstaates“ große Auswirkungen auf die gesellschaftliche Entwicklung der DDR. Die idealisierte Arbeiterschaft bestimmte die sozialen und kulturellen Werte aller anderen Gesellschaftsgruppen: Anschauungen, Konventionen, Kleidungs- und Konsumgewohnheiten und nicht zuletzt Alltagssitten waren ausgerichtet auf die Ideale der arbeitenden Klasse.

Im Verlauf der vierzig Jahre DDR änderte sich das Arbeiterbild. Dieser Wandel spiegelt sich nicht zuletzt in der Kunst wider. Wurde in den 1940er und 1950er Jahren noch um das Bild vom „neuen Menschen“ gerungen – bevorzugtes Motiv in der künstlerischen Darstellung waren Stahlarbeiter an Hochöfen –, so waren die 1960er Jahre die eigentliche Blütezeit der Arbeiterbilder in den Künsten. Entsprechend der von Ulbricht geforderten Anpassung an die „wissenschaftlich-technische Revolution“ erhielt die geistige Arbeit einen höheren Stellenwert. Die Bilder zeigten nun zum Beispiel Chemiker, die in weißen Kitteln mit ihren Reagenzgläsern arbeiteten, wie bspw. das Bild „Junge Intelligenz in der Chemie“ (1968/1969) von Bernhard Franke.

 

In den 1970er Jahren begann eine kritische Auseinandersetzung vieler Künstler/innen mit den vorgegebenen ideologischen Konstruktionen. Die idealisierten Arbeiterbilder der früheren Jahrzehnte wurden als Illusion entlarvt. Eindrucksvoll zeigt dies das Bild von Wolfgang Mattheuer „Die Ausgezeichnete“. Die Frau auf dem wirkt übermüdet. Ihr karger Lohn für ihr Arbeitsleben scheint ein Strauß Tulpen zu sein.

© VG Bild-Kunst, Bonn 2012

 

Der Entwicklungsbogen des Arbeiterbildes spannte sich somit von der Figur des „neuen Menschen“ in den 1950er Jahren bis hin zur Dekonstruktion des Arbeiterbildes in den 1980er Jahren. Am Ende blieb die Frage, wer die Arbeiter in der DDR denn nun eigentlich waren.

Weiterführende Literatur

Burghard Duhm: Walter Dötsch und die Brigade Mamai - der Bitterfelder Weg in Bitterfeld. In: Monika Flacke (Hrsg.): Auftragskunst der DDR 1949-1990. München 1995.

Wilfried Falkenthal, Wilfried: Mansfelder Land. In: Monika Flacke (Hrsg.): Auftragskunst der DDR 1949-1990. München 1995.

Peter Hübner: Die Brigadefeier. In: Martin Sabrow (Hrsg.): Erinnerungsorte der DDR. München 2009, S. 241-247.

Peter Hübner, Christoph Kleßmann, Klaus Tenfelde (Hrsg.): Arbeiter im Staatssozialismus. Köln 2005.

Christoph Kleßmann:Arbeiter im Arbeiterstaat DDR. Bonn 2007.

Edwin Kratschmer: Wettbewerb "Max braucht Kunst". In: Monika Flacke (Hrsg.): Auftragskunst der DDR 1949-1990. München 1995.

Thomas Reichel: „Sozialistisch arbeiten, lernen und leben“. Die Brigadebewegung in der DDR (1959-1989). Wien 2011.

Manuela Uhlmann: Ein neuer Bildtyp. Das Brigade-Bild in der DDR. In: Paul Kaiser, Karl-Siegbert Rehberg (Hrsg.): Enge und Vielfalt. Dresden 1999.

Bildbeispiele

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Die Werke der Sammlung VEB Maxhütte Unterwellenborn.

Die Werke der Sammlung VEB Mansfeld. Die Werke von Wilfried Falkenthal spielen hier eine besondere Rolle.

Bilddossiers

Dietrich Burger: Baggerführer Kurt Ringel (1961)

Mathias Wagner: Curt Querner, Selbstbildnis (1930). In: Ulrich Bischoff (Hrsg.): Galerie Neue Meister Dresden, Band I, Köln 2010, S. 449.

Lilian Groß: Bilddossier zu "Nach dem Einsatz" (1973) von Christoph Wetzel, Juli 2012.

Interviewcluster

Wilfried Falkenthal zum Werk Brigadebad

 

Weitere Materialien


Zitierempfehlung: Anna Littke: Arbeiter und Arbeiterklasse in der DDR. In: Kunst in der DDR, URL: <http://bildatlas-ddr-kunst.de/teaching/75>

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)